Akt 3: Fokus Darstellende Künste

Das vierte Werkstattgespräch zur Reform der Kulturförderung in Berlin fand am 29.9.2014 im Deutschen Theater Berlin statt.

Sabine Bangert
, im Gespräch mit den Patinnen und Paten des Abends:
Franziska Werner
(künstlerische Leiterin der Sophiensaele), Eva-Maria Hoerster (Projektkoordinatorin des Hochschulübergreifenden Zentrums Tanz), Ulrich Khuon (Intendant des Deutschen Theaters) – ebenfalls Gastgeber des Abends
sowie weiteren ExpertInnen der Darstellenden Künste in Berlin:
Stefanie Aehnelt (Künstlerische Leitung und Geschäftsführung heimathafen neukölln)
Janina Benduski (Leitung Performing Arts Programm und Gründerin bzw. Mitbegründerin des Produktionsbüros ehrliche Arbeit, co-optiertes Mitglied im LAFT Vorstand), Wagner Carvalho (Künstlerische Leitung und Geschäftsführung Ballhaus Naunynstraße), Claudia Feest (Vorstandsmitglied des Dachverband Tanz Deutschland), Sigrid Gareis (Kuratorin für zeitgenössischen Tanz und Theater
Nele Hertling, Vizepräsidentin der Akademie der Künste), Birgit Lengers (Leiterin Junges DT), Ralf Ollertz(künstlerischer Leiter der HALLE TANZBÜHNE BERLIN und Gründer der cie. toula limnaios), Ludger Orlok (künstlerischer Geschäftsführer der Tanzfabrik), Annemie Vanackere (Künstlerische Leitung und Geschäftsführung des HAU Hebbel am Ufer), Tobias Veit (stellvertretender Direktor der Schaubühne am Lehniner Platz), Simone Willeit (Leiterin des Tanzbüros)

Diskussionsthemen

  • Wie kommen wir zu zeitgemäßen Zielvereinbarungen und Verträgen für die Theater und Tanzensembles?
  • Welche Maßnahmen brauchen wir zum Erhalt der Vielfalt und zur Optimierung der Förderinstrumente?
  • Wie können Kooperationsstrategien auch spartenübergreifend gestärkt werden, welche Anreize gilt es zu schaffen?
  • Macht und Not der Jury und GutachterInnen für freie Gruppen und Theater: Wie sind Ergebnisse aus jurierten Vergabeverfahren gegenüber politischen Akzentsetzungen abzuwägen?
  • Wie muss eine angemessene Infrastruktur für Proben und Aufführungen gestaltet sein und wo sehen wir Handlungsoptionen?

Weitere Informationen finden Sie im Flyer zur Gesprächsreihe.


Ergebnisse

  • Es ist an der Zeit, Förderinstrumente noch einmal genauer zu prüfen, diese sind zum großen Teil vor gut zwanzig Jahren entstanden.
  • Basis- und Spielstättenförderung sind nicht mehr den Gegebenheiten entsprechend ausgestattet. Es fehlt Geld für die Unterstützung neuer Kunst- und Arbeitsformen. Die Jurys müssen – sowohl in der Basis- und Spielstättenförderung als auch in der Konzeptförderung – Entscheidungen auf einer unzureichenden finanziellen Grundlage treffen.
  • Die Situation erschwert sich durch den Umstand, dass die Spielstätten- und Basisförderung und Konzeptförderung zeitlich nicht aufeinander abgestimmt sind: es kann keine Gruppe oder kein Ensemble, das aus der Basis- und Spielstättenförderung entwächst, übergangslos in die Konzeptförderung gehen
  • allgemeiner Anstieg der Lebenshaltungs- und Arbeitskosten in Berlin, Bedarf an Projektmitteln zur Deckung von Mietkosten.
  • Die Regelung zum Mindestlohn und angemessene Tarife sollen auch im Kulturbereich gelten.
  • Wichtig ist eine parallele Förderung der künstlerischen Arbeitsformen - der freien KünstlerInnen und Gruppen und in festen Strukturen. Beides trägt komplementär zum künstlerischen Profil der Stadt Berlin bei.
  • Es besteht ein Wunsch nach einer Vereinfachung der bisherigen Förderstruktur und einem Eindampfen der verschiedenen Töpfe zur effizienteren Antragsstellung. Vorgeschlagen ist die Reduzierung auf zwei Förderinstrumente: 1) für Einzelförderung und 2) für freie Häuser und feste Gruppen, abgestuft auf 2- und mehrjährig
  • Die Ausstattung der freien Produktionshäuser mit angemessenem eigenen Produktionsbudget wäre wünschenswert, um diese handlungsfähiger und in ihrer künstlerischen Arbeit unabhängiger von Drittmittelentscheidungen zu machen.

Fragen der Infrastruktur

  • Neben der Anpassung der Förderungen ist die Sicherung der Infrastruktur – auch für die Institutionen – der zweite große Pfeiler der kulturpolitischen Herausforderungen. Dies betrifft Aufführungsstätten, öffentliche Orte des kulturellen Angebots, Proberäume und Probebühnen, Räume zum Recherchieren oder Entwickeln über einen längeren Zeitraum hinweg, Büroräume und Lagerräume. Die Spielstätten können dies den Gruppen nicht bieten.
  • Berlin muss im Land und in den Bezirken die Räume sichern, die die Stadt noch hat. Auch der Bund hat Immobilien in Berlin, die für eine Zwischennutzung geeignet sind.
  • Zusammenspiel mit der Bundesebene – Kultur in der Hauptstadt
  • Berlin könnte und sollte in der Kulturpolitik, in der Förderung der Freien Szene und des Tanzes sowie in der Sicherung von Standorten und Immobilien offensiver an die Bundesebene herantreten – insbesondere der neue Regierende Bürgermeister und Kultursenator könnte und sollte zwei bis drei Schwerpunkte in seiner Auseinandersetzung mit der Bundesebene setzen.
  • Es lohnt sich "zwischen den Ebenen" aktiv zu werden, zum Beispiel in der Kulturminister-Konferenz. Auch die Verhandlungen zum Hauptstadtkulturvertrag – Auslaufen des aktuellen Vertrages Ende 2017 – könnten zumindest indirekt langfristig begleitet werden.
  • Die künstlerischen Leistung und Internationalität der freien Szene braucht mehr Anerkennung in ihrer Funktion als ‘Botschafterin und ‘Visitenkarte‘ für Berlin und Deutschland.

Kooperationen stärken

  • Kooperation unter den Beteiligten ermöglichen das Teilen der Ressourcen und gemeinsame künstlerische Arbeit.
  • Sollte Kooperation über ein Programm oder einen Fonds gefördert werden, wäre die Offenheit gegenüber verschiedenen Konstellationen ebenso wichtig wie eine langfristige und strukturierte Form der Förderung. Ohne Langfristigkeit besteht zu wenig Raum zur Bildung eines Vertrauensverhältnis oder des Kennenlernens der Strukturen und Arbeitsweisen der Partner.
  • Freie Gruppen müssen auch weiterhin in "freien" Zusammenhängen agieren können. Häuser haben die Verantwortung unter Ihrer Intendanz und mit ihrem Ensemble ein eigenes Profil aufzubauen. Erfolgt eine Zusammenarbeit über einen längeren Zeitraum, kann dies zur Repertoirebildung der Häuser betreiben. Sinnvoll sind Patenschaften unter den Institutionen und Gruppen, die aus Verbandsstrukturen oder aus den Kultureinrichtungen selbst heraus organisiert sind.
  • Die individuelle Logistik der Partner ist zu berücksichtigen. Kooperationen kosten die Beteiligten häufig zusätzliches Geld, es ist aber auch eine Frage der Prioritätensetzung in der Planung.
  • Spezielle Situation des Tanzes in Berlin
  • Fast sämtliche Förderungen des Tanzes bewegen sich im freischaffenden Bereich, sind also nicht regulär bzw. institutionell gefördert – Ausnahme Staatsballett und Cie Toula Limnaios sowie die halb-institutionelle Verankerung von Sasha Waltz. Dadurch ist der Tanz mehr als andere Genres von der Projektförderung abhängig – die Probleme der aktuellen Förderinstrumente betreffen im besonderen Maße den Tanz.
  • Es gibt kein Tanzhaus bzw. kein Haus, das sich dem Tanz verschrieben hat. Im Moment gibt es in Berlin – abgesehen vom Staatsballett – keine Möglichkeiten, große Tanzproduktionen zu entwickeln. Durch den räumlichen Mangel entsteht in Berlin eine künstlerische Lücke im Tanz. Die Sprechtheater Bühnen Berlins waren in den Neunzigern zu einem großen Teil noch mit doppeltem Bühnensysteme ausgestattet, dieser Standard ist verloren gegangen.
  • Gleichzeitig hat der Tanz eine herausragende Stellung in der Kunstwelt erlangt. Die Förderung des Tanzes und Standortsicherung muss endlich gelöst werden, auch in Verhandlungen mit dem Bund. Dies gilt für EinzelkünstlerInnen, kollektive Gruppenstrukturen, feste Ensembles, Spielorte und Festivals.

City Tax für die Kultur nutzen

  • Die Mittel aus der City Tax müssen langfristig für die Kulturförderung gesichert werden. Es ist eine gemeinsame Aufgabe aller kulturpolitisch Aktiven in Berlin in Haushaltsverhandlungen und in der Öffentlichkeit weiterhin dafür zu kämpfen.
  • City Tax und Festivals: Festivals sind per Definition Magnet für reisende Kulturinteressierte und Impulsgeber für alle Beteiligten, ob KünstlerInnen oder Publikum. Große und regelmäßig stattfindende Festivals werden aus Fördertöpfen finanziert, die für andere Kulturangebote in Berlin gebraucht werden. Einnahmen aus der City Tax könnten und sollten deswegen diese Fehlleitung der Fördermittel kompensieren, hier ist der Zusammenhang zum Kulturtourismus auf den ersten Blick sofort ersichtlich.
  • Zielvereinbarungen entwickeln
  • Aus künstlerischer Sicht rufen Zielvereinbarungen die Befürchtung hervor, etwas werde von außen auf die künstlerische Arbeit aufoktroyiert. Durch den Anspruch auf Wahrung von Kunstfreiheit ist es essentiell, dass die Profile der Häuser durch die künstlerisch Leitung geprägt werden.
  • Ein Haus kann nicht in Vereinbarungen von außen aufgesetzt bekommen, mit Freien Gruppen zu arbeiten. Aber es können Anreize geschaffen werden.
  • Zielvereinbarungen befördern den Blick darauf, was für eine Praxis an den einzelnen Häusern bereits getätigt wird, für welches Profil sie stehen und durch welche Förderinstrumente sie zu den politisch und selbst gesetzten Zielen gelangen (z.B. Förderung von Vermittlungsangeboten oder Jugendprojekten, Diversity Management).
  • Bei Zielvereinbarungen geht es nicht nur um Auflagen für die Häuser, es geht auch um Auflagen gegenüber der Politik: es wird Transparenz hergestellt wofür die Institutionen da sein sollen. Damit kann die Politik nach den Mitteln gefragt werden, die notwendig sind, um diese Vereinbarung auch  umzusetzen. Sie bieten ein Kontrollinstrument und Transparenz für die Öffentlichkeit.

Die ausführliche Dokumentation des Werkstattgesprächs können Sie im Protokoll nachlesen.

Unser herzlicher Dank gilt allen Beteiligten für ihr produktives Mitwirken und die guten Beiträge!