Akt 2: Fokus Literatur

Das dritte Werkstattgespräch zur Reform der Kulturförderung in Berlin fand am 30.6.2014 in der Lettrétage statt.

Sabine Bangert im Gespräch mit Moritz Malsch (Lettrétage) und Thomas Wohlfahrt (Literaturwerkstatt Berlin) / Paten der Werkstattreihe für die Sparte Literatur
Sowie weiteren ExpertInnen der Berliner Literaturlandschaft:
Susan Bindermann (agentur literatur hebel & bindermann und Log.os), John von Düffel (Leiter des Studiengangs für Szenisches Schreiben an der Berliner UdK und Dramaturg am Deutschen Theater u.a. für die Autorentheatertage), Jörg Feßmann (Sekretär der Sektion Literatur der Akademie der Künste), Britta Gansebohm (Gründerin und Leiterin des Literarischen Salons), Tobias Herold (freier Autor und Veranstalter von Lyrik-Veranstaltungen im "ausland"), Florian Höllerer (Geschäftsleiter Literarisches Colloquium Berlin), Britta Jürgs (Gründerin AvivA Verlag und Branchennetzwerk Bücherfrauen), Christiane Kussin (Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften und Gedenkstätten (ALG)), Sabine Mähne (Leitung LesArt Berliner Zentrum für Kinder- und Jugendliteratur), Dr. Claudia Schmölders (Schriftstellerin und Übersetzerin, Privatdozentin an der Humboldt Universität und Jury des Hauptstadtkulturfonds), Daniela Seel (Gründerin des kookbooks-Verlags), Laura Seifert (Kulturförderpunkt Berlin), Ursula Vogel (Leitung und Programm Literaturforum im Brecht Haus)

Diskussionsthemen

  • Welchen gesellschaftlichen und programmatischen Auftrag können wir für die verschiedenen Akteure der Berliner Literaturlandschaft definieren?
  • Wie unterscheidet sich Literaturförderung von der anderer Sparten und welche Anregungen könnte Literaturförderung aktuell aus anderen Fördermodellen übernehmen?
  • In welchem Verhältnis steht die Förderung von AutorInnen zu der von Veranstaltungsorten, in welchem Verhältnis die Förderung von frei tätigen und institutionell geförderten Akteuren der Literaturszene?
  • Wie können Kooperationsstrategien, besonders auch spartenübergreifende, stärker unterstützt werden?
  • Wie kann die Förderpolitik konkreter auf die Veränderungen reagieren, welche die Berliner Literaturszene und Literatur durch die Digitalisierung erfährt?

Weitere Informationen finden Sie im Flyer zur Gesprächsreihe.

Ergebnisse

  • In Berlin sind über 400 Verlage verortet, die Kulturverwaltung spricht von 1200 Schriftstellern – aus allen (Bundes-)Ländern, aller Welt und aus allen Sparten kommen Künstlerinnen und Künstler sowie ebenso Autorinnen und Autoren nach Berlin um hier zu wohnen, zu leben und zu arbeiten. Die Förderinstrumente sind in den letzten Jahren nicht dieser Herausforderung entsprechend evaluiert und angepasst worden. Es gibt einige "blinde Flecken" bei den Instrumenten.
  • Seit gut 15 Jahren sind die Literaturinstitutionen in Berlin von den Entwicklungen des öffentlichen Dienstes abgekoppelt, und es sind keine Aufstockungen bei den Häusern angekommen, die den allgemeinen Teuerungen entsprechen. Dies entspricht dem Verlust von gut einem Drittel der Gelder, die einmal im System waren. Der nominale Mittelaufstieg im Haushalt erklärt sich fast einzig aus Mietkosten. Drittmittelakquise ist zu einem elementaren Bestandteil auch der Arbeit der Institutionen geworden.
  • Die Literaturszene arbeitet im Vergleich zu den anderen Sparten mit deutlich weniger Mitteln und oft in kleineren Gruppen, deswegen ist ein geschlossenes Agieren der Literaturszene in der politischen Diskussion wichtig. Neben zu wenig Geld in der Literaturförderung gibt es ebenfalls strukturelle Probleme. Ziel der Gesprächsreihe ist es, ein angemessenes Fördermodell zu entwickeln.
  • Thema Spielraum in der Kulturpolitik am Beispiel Literaturförderung: 2013 gab es 343 Bewerbungen auf Arbeitsstipendien für Literatur, gefördert wurden 13 Stipendien. 2014 wurde der Bereich aufgestockt, nun sind es lediglich drei mehr (insgesamt 16).
  • Alle Beteiligten wünschen mehr, bessere und schnellere Kommunikation mit der Verwaltung und den Jurys. Ebenso eine kurzfristigere und leichtere Förderung von Projekten mit kleinerem Budget. Die Förderung kleinerer Projekte bzw. kleiner Anträge kann sonst heute in der Regel nur richtig auf Bezirksebene stattfinden, dort herrscht aber grundsätzlich ein Budgetmangel, so müsste sonst die Bezirkskulturförderung aufgestockt werden. Deswegen ist auch die Arbeitsgemeinschaft literarischer Gesellschaften wichtig, denn hier ist auch die Förderung mit kleineren Beträgen möglich.
  • Kooperation existiert sehr viel in der Literaturszene, zum Beispiel in Form von Beratung durch Literaturhäuser oder durch kleine Verlage an einzelne Akteure, idR aber unentgeltlich und dadurch nicht verstetigt und transparent. Beratung und Förderung einzelner Akteure und AutorInnen, die oft als "EinzelkämpferInnen" agieren, ist aber gerade in der Literatur ein wichtiger Pfeiler. Wichtig ist einfache und schnelle Kommunikation. Es wurde diskutiert, ob dies durch eine offizielle Verortung bei zwischengeschalteten Strukturen mit entsprechender Förderung, wie zum Beispiel den Literaturhäusern, besser realisiert werden könnte oder durch eine andere Form der Netzwerksförderung.
  • Positiv wurde der neue sogenannte matching fonds bewertet. Aber zu Ko-Finanzierungsmöglichkeiten braucht es immer eine verlässliche öffentliche Grundfinanzierung, inflationsbereinigt und mit den Möglichkeiten, ein kompetentes Grundpersonal (auch zur Antragsstellung und Beratung) bereit zu halten.
  • Die Förderung von Kleinverlagen als Kultur- und Standortförderung wurde vielmals thematisiert, wie sie zum Beispiel auch in Österreich existiert. Hier dominierte der Wunsch, dies im Bereich der Wirtschaftsförderung in Berlin zu verstärken. Ebenso wurde die Förderung unabhängiger Buchhandlungen, möglicherweise durch ein Progamm für AutorInnenlesungen oder die Förderung von "Probebühnen für Literatur", vorgeschlagen.
  • Grundsätzlich ist die Bedeutung eines guten Lektorats, gerade in Zeiten von mehr self-publishing, stark angestiegen. Ob dies für mehr direkte und mögliche kurzfristige Lektoratsförderung oder eine stärkere Einbindung von Lektoratsangeboten zum Beispiel über bestehende Literatur-Institutionen spricht, blieb umstritten. Dasselbe gilt für die Übersetzungsförderung.
  • Eine gute Jurybesetzung ist eine Grundvoraussetzung und hohe Anforderung, dies bestätigten auch Jury-Mitglieder selbst, die vor Ort waren. Es ist enormer Bedarf da und es stellen beileibe nicht nur Amateure Anträge, es gibt nur einfach zu wenig Plätze. Oft hält sich die Jury nicht für den richtigen Ansprechpartner, um internationale bzw. nicht deutsch-sprachige Anträge zu bewerten und ist auf weitere Lektoren angewiesen. Oder es gibt in der AutorInnenförderungen einen nicht mehr zeitgemäßen Fokus auf Formate, die nur auf Buchveröffentlichung hinauslaufen. Jurys müssen regelmäßig wechseln.
  • Digitale Veröffentlichungen sollten eine größere Rolle spielen. Die Lücke zwischen Digital und Print muss geschlossen werden bzw. Projekte gefördert werden, die sich derer annehmen.
  • Interdisziplinär arbeitende Veranstalter aus der Literaturszene fallen oft durch das Förderraster – ein neuer Fonds zwischen den Stufen könnte dem entgegen wirken. Dabei wäre aber abzuwägen, dass neue bürokratische Strukturen so weit wie möglich minimiert werden sollten und dass dieser Fonds zusätzlich und nicht alternativ eingerichtet würde. Der Preis für Netzwerk Freie Projekträume hätte hier passend sein können, spitzte sich aber schon schnell auf Bildende Kunst zu.
  • Es bräuchte Unterstützung für nicht-deutschssprachige AutorInnen in Berlin z.B. durch englischsprachige Antragsformulare. Die Stadt Berlin – die Kunst- und Kulturszene aber auch die Literaturszene – ist mittlerweile stark international geprägt.
  • Eine Erweiterung der Spielstättenförderung auf Einrichtungen auch aus der Literaturszene oder Konzeptförderung für einzelne Einrichtungen wäre eigentlich nur konsequent, wenn man z.B. betrachtet, wie viele "Veranstaltungs"-Mittel einzelne Einrichtungen z.T. schon erhalten.
  • Problem AutorInnenleseprogramm: hier gibt es keine Kompetenzen bei den Bezirken, die derzeit für die Mittelverteilung zuständig sind – es wurde ein Fördertopf für AutorInnen an Schulen geschaffen, aber es wurde gar keine Struktur und Mittel dafür geschaffen, dieses fachgerecht zu organisieren. Folglich werden die Mittel oft nicht abgerufen und die Literatur-Institutionen oft um Empfehlungen gefragt. Das Programm sollte anders verortet werden.
  • Die Besetzung der HKF-Mittel durch das poesiefestival und ilb ist nicht dem Gedanken des Fonds entsprechend, eine Überführung in eine Bundesförderung wäre auch vom HKF selbst gewünscht. Dabei bliebe aber unklar, in welcher Weise der Bund die Förderung erklärt. Eine Begleitung der Neuverhandlungen des HKF 2017 ist wichtig.
  • Für die City Tax wurde beschlossen, alles bei Finanzen zu verorten. Das heißt: Alle Einnahmen fließen zu Nußbaum. Einnahmen von über 25 Mio EUR werden dann gedrittelt an Tourismus, Sport und Kultur verteilt. Aber Ende Mai 2014 lagen die Einnahmen erst bei 3 Mio EUR. Die 25 Mio EUR werden schwerlich erreicht werden. Spätestens bei den nächsten Haushalts-Beratungen muss das Thema deshalb noch einmal aufgemacht werden. Wir müssen andere Lösungen finden für die City Tax.

Die ausführliche Dokumentation des Werkstattgesprächs können Sie im Protokoll nachlesen.

Unser herzlicher Dank gilt allen Beteiligten für ihr produktives Mitwirken und die guten Beiträge!